Die EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur (Nature Restoration Regulation, NRR), die im August 2024 in Kraft trat, ist das erste umfassende Gesetz auf kontinentaler Ebene, das auf die Wiederherstellung degradierter Ökosysteme in Europa abzielt. Sie ist ein zentrales Element der EU-Biodiversitätsstrategie 2030, die verbindliche Ziele zur Wiederherstellung von Ökosystemen festlegt, die für biologische Vielfalt, Klimaresilienz und Katastrophenvorsorge unverzichtbar sind. Die NRR markiert einen Paradigmenwechsel im Umgang Europas mit seinen miteinander verbundenen Umweltbedrohungen. Anstatt Biodiversitätsverlust, Klimawandel, Wasserknappheit und Landdegradierung als getrennte politische Herausforderungen zu behandeln, erkennt die NRR an, dass die Wiederherstellung von Ökosystemen gleichzeitig in mehreren Sektoren positive Wirkungen entfalten kann.
In diesem Kontext führte adelphi research eine Studie für den ECF durch, um zu untersuchen, wie die laufende Umsetzung der NRR vielfältige ökologische und gesellschaftliche Vorteile in der EU erzeugen kann. Ziel der Studie war es, die vielversprechendsten und praktikabelsten Ansätze zur Umsetzung der NRR zu identifizieren und Synergien – oder Risiken – im Verhältnis zu anderen rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Zielen auf EU- und nationaler Ebene aufzuzeigen. Der Fokus lag auf der Umsetzung auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene, wobei untersucht wurde, wie Wiederherstellung als Katalysator für sektorübergreifende Zusammenarbeit und praktische Lösungen gestaltet werden kann.
Auf eine SWOT-Analyse von sechzehn Rechtsakten und Strategien folgte in der zweiten Projektphase die Erhebung von Informationen zu den frühen Umsetzungsschritten, aus denen eine Reihe von Fallstudien auf Ebene der Mitgliedstaaten zu spezifischen Themenbereichen der NRR-Umsetzung erarbeitet wurden. Durchgeführt und ausgewertet wurden 27 Interviews mit 32 Expertinnen und Experten (Regierungsvertreterinnen und -vertreter, Umwelt-NGOs, Forschende, Sektorvertreterinnen und -vertreter) in acht Ländern. Die Interviewergebnisse sind gemeinsam mit der einschlägigen Literatur im Bericht Cross-Sectoral Benefits of the EU Nature Restoration Regulation zusammengefasst.
Die Ergebnisse zeigen, dass die NRR als ermöglichender Rahmen für sektorübergreifende Steuerung wirkt und Bedingungen für eine Governance-Transformation durch vertikale Integration von der EU- bis zur lokalen Ebene schafft. Sie verleiht politische Sichtbarkeit und stellt harmonisierte Konzepte bereit, die nationalen Prozessen allein bislang fehlten. Darüber hinaus stärkt sie sektorübergreifende Synergien, indem sie Ziele aus verschiedenen Bereichen zusammenführt – darunter auch unerwartete. Die acht Fallstudien beleuchteten Vorteile in folgenden Bereichen: (1) Klimaschutz und -anpassung, (2) Umkehrung des Biodiversitätsverlusts, (3) Wasserresilienz und Wassergovernance, (4) Landwirtschaft und ländliche Lebensgrundlagen, (5) Forstwirtschaft und private Grundeigentümer, (6) Meeresökosysteme und Fischerei, (7) Gesundheit und Wohlbefinden, (8) wirtschaftliche Chancen für lokale Gemeinschaften, (9) Energie und Infrastruktur sowie (10) Verteidigung und Sicherheit.