Die Schließung der Straße von Hormus im März 2026 löste die größte jemals verzeichnete Unterbrechung der Ölversorgung aus und stellte Deutschland innerhalb von weniger als fünf Jahren vor seinen dritten großen Energiesicherheitstest. Eine neue Analyse von adelphi untersucht die Folgewirkungen für die deutsche Industrie, die europäische Versorgungspolitik und die langfristige Zukunft der Energiewende.
Als US-amerikanische und israelische Streitkräfte am 28. Februar 2026 ihren Militärangriff „Operation Epic Fury" gegen den Iran starteten, ließen die Reaktionen auf den globalen Energiemärkten nicht lange auf sich warten. Innerhalb weniger Tage hatte der Iran die Straße von Hormus, jenen engen Seeweg, durch den rund 20 Prozent des weltweiten Seetransports von Öl fließt, für geschlossen erklärt. Das globale Ölangebot sank innerhalb eines einzigen Monats um 10,1 Millionen Barrel pro Tag, dem stärksten Rückgang in der Geschichte der Energiemärkte. Die europäischen Gasreferenzpreise verdoppelten sich binnen weniger Wochen nahezu. Und Deutschland, das sich noch in einer frühen Phase der wirtschaftlichen Erholung befand, sah sich in einer gefährlich exponierten Lage.
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Eine Diversifizierungsstrategie mit strukturellem blindem Fleck
Europa hatte drei Jahre damit verbracht, seine Energieversorgung nach der russischen Invasion in der Ukraine 2022 umzustrukturieren. Bis 2025 war Norwegen Deutschlands größter Gaslieferant, und die Vereinigten Staaten waren die wichtigste Bezugsquelle für Flüssigerdgas (LNG). Die Diversifizierung war real, aber unvollständig. Der Wechsel von russischem Pipelinegas zu LNG tauschte eine geopolitische Abhängigkeit lediglich gegen eine andere: einen Energieträger, der globale Schifffahrtsrouten passieren muss und damit genau jener Art maritimer Unterbrechung ausgesetzt ist, die die Schließung der Meerenge verursachte.
Als katarische LNG-Tanker im März 2026 aufhörten, den Golf zu befahren, erwies sich die neue Versorgungsarchitektur Europas als nicht widerstandsfähiger als die alte. Die EU-Gasspeicher, die zu Beginn des Konflikts bereits auf 46 Milliarden Kubikmeter (bcm) geleert waren, gegenüber 77 bcm zwei Jahre zuvor, boten kaum einen Puffer. Der Vorfall bestätigt, was Energieanalyst*innen seit Langem vertreten: Lieferdiversifizierung ist eine notwendige, aber nicht hinreichende Antwort auf strukturelle Importabhängigkeit.
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Zitat (ohne Anführungszeichen)
Der Iran-Konflikt hat Deutschlands Energieverwundbarkeit nicht geschaffen, er hat sie erneut offengelegt. Keine Diversifizierungsstrategie ist ausreichend, solange fossile Brennstoffe durch Engpässe transportiert werden, über die wir keine Kontrolle haben. Die Beschleunigung der Energiewende ist die einzig glaubwürdige Sicherheitspolitik.
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Die deutsche Industrie an einem Wendepunkt
Für Deutschlands Industriebasis, die bereits seit Jahren unter hohen Energiekosten leidet, kommt der Iran-Konflikt zu einem besonders schwierigen Zeitpunkt. Anders als 2022, als die Hauptsorge physischer Knappheit und dem Risiko der Gasdrosselung galt, äußert sich die aktuelle Krise vor allem über den Preis: Unternehmen gehen nicht mehr die Energie aus, aber sie zahlen erheblich mehr dafür.
Die Folgen sind besonders in der chemischen Industrie, Deutschlands drittgrößtem Industriesektor und einem wichtigen vorgelagerten Lieferanten in der gesamten Wirtschaft, deutlich sichtbar. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) meldete Ende Mai 2026, dass Produktion, Umsatz und Preise im ersten Quartal allesamt gesunken seien, ohne Aussicht auf eine baldige Erholung. Entscheidend ist, dass mehrere Chemieunternehmen nun Investitionen in Anlagen im Ausland beschleunigen, ein struktureller Wandel, der, wenn er anhält, dauerhafte Folgen für Deutschlands Industriebasis haben könnte, die weit über die aktuelle Krise hinausgehen.
Der Automobilsektor hat bislang von begrenzteren direkten Auswirkungen berichtet, Analyst*innen warnen jedoch, dass dies eher eine Verzögerung als eine Ausnahme darstellen dürfte. Unternehmen, die auf Lagerbestände und Terminkontrakte zurückgreifen, werden die volle Wucht der gestiegenen Inputkosten in den kommenden Quartalen zu spüren bekommen.
Schiffsumleitung und das Risiko eines dauerhaften neuen Normalzustands
Eine weniger diskutierte, aber potenziell nachhaltige Folge der Schließung der Meerenge sind ihre Auswirkungen auf den globalen Schiffsverkehr. Da die Meerenge faktisch geschlossen ist, haben die Reedereien ihre Schiffe um das Kap der Guten Hoffnung umgeleitet, was die Reisezeiten auf der Route Asien–Europa um zehn bis 14 Tage verlängert und dies zusätzlich zu den bereits seit den Huthi-Angriffen 2023–24 bestehenden Umleitungen im Roten Meer. Frachtraten und Kriegsrisikoversicherungsprämien sind infolgedessen stark gestiegen. Logistikexpertinnen warnen, dass diese Umleitung zu einem dauerhaften Zustand werden könnte: Sollten kriegsbezogene Versicherungsklauseln auch nach einem formalisierten Waffenstillstand weiterhin vom Transit abschrecken, könnten Europas Importeurinnen über Jahre hinweg mit strukturell höheren Betriebskosten konfrontiert sein.
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Die deutsche Industrie an einem Wendepunkt
Für Deutschlands Industriebasis, die bereits seit Jahren unter hohen Energiekosten leidet, kommt der Iran-Konflikt zu einem besonders schwierigen Zeitpunkt. Anders als 2022, als die Hauptsorge physischer Knappheit und dem Risiko der Gasdrosselung galt, äußert sich die aktuelle Krise vor allem über den Preis: Unternehmen gehen nicht mehr die Energie aus, aber sie zahlen erheblich mehr dafür.
Die Folgen sind besonders in der chemischen Industrie, Deutschlands drittgrößtem Industriesektor und einem wichtigen vorgelagerten Lieferanten in der gesamten Wirtschaft, deutlich sichtbar. Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) meldete Ende Mai 2026, dass Produktion, Umsatz und Preise im ersten Quartal allesamt gesunken seien, ohne Aussicht auf eine baldige Erholung. Entscheidend ist, dass mehrere Chemieunternehmen nun Investitionen in Anlagen im Ausland beschleunigen, ein struktureller Wandel, der, wenn er anhält, dauerhafte Folgen für Deutschlands Industriebasis haben könnte, die weit über die aktuelle Krise hinausgehen.
Der Automobilsektor hat bislang von begrenzteren direkten Auswirkungen berichtet, Analyst*innen warnen jedoch, dass dies eher eine Verzögerung als eine Ausnahme darstellen dürfte. Unternehmen, die auf Lagerbestände und Terminkontrakte zurückgreifen, werden die volle Wucht der gestiegenen Inputkosten in den kommenden Quartalen zu spüren bekommen.
Schiffsumleitung und das Risiko eines dauerhaften neuen Normalzustands
Eine weniger diskutierte, aber potenziell nachhaltige Folge der Schließung der Meerenge sind ihre Auswirkungen auf den globalen Schiffsverkehr. Da die Meerenge faktisch geschlossen ist, haben die Reedereien ihre Schiffe um das Kap der Guten Hoffnung umgeleitet, was die Reisezeiten auf der Route Asien–Europa um zehn bis 14 Tage verlängert und dies zusätzlich zu den bereits seit den Huthi-Angriffen 2023–24 bestehenden Umleitungen im Roten Meer. Frachtraten und Kriegsrisikoversicherungsprämien sind infolgedessen stark gestiegen. Logistikexpertinnen warnen, dass diese Umleitung zu einem dauerhaften Zustand werden könnte: Sollten kriegsbezogene Versicherungsklauseln auch nach einem formalisierten Waffenstillstand weiterhin vom Transit abschrecken, könnten Europas Importeurinnen über Jahre hinweg mit strukturell höheren Betriebskosten konfrontiert sein.
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Der Ausblick: Die Reihenfolge ist entscheidend
Stand Juni 2026 liegt der deutsche Gasspeicherstand bei rund 26 Prozent der Kapazität, einem Wert, der zuletzt während der akuten Krise 2021–22 verzeichnet wurde. Der Bundesrat hat dies als die „Achillesferse" des Energiesektors für den kommenden Winter bezeichnet, und Analyst*innen warnen vor möglichen Versorgungsengpässen, wenn die Temperaturen Anfang 2027 stark fallen sollten.
Vor diesem Hintergrund erzeugt der Iran-Konflikt neuen politischen Schwung für die Energiewende und rahmt erneuerbare Energien nicht mehr primär als Klimainstrument, sondern als Voraussetzung für wirtschaftliche Sicherheit. EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen hat argumentiert, dass das EU-Portfolio aus erneuerbaren Energien und Kernkraft „Unabhängigkeit, Planbarkeit und Energiesicherheit" gewährleiste. Das ifo-Institut und Deutschlands führende wirtschaftswissenschaftliche Forschungseinrichtungen sind zu dem Schluss gelangt, dass „nur eine auf erneuerbaren Energien basierende Energieversorgung die notwendige Resilienz für die Industrie" auf lange Sicht bieten könne.
Doch dieselbe Krise erzeugt auch Druck für Maßnahmen, Notfallverträge für fossile Brennstoffe, Verlängerungen der Laufzeit von Kohlekraftwerken und verzögerte Infrastrukturabschreibungen, die neue Abhängigkeiten schaffen könnten, die mit den mittelfristigen Dekarbonisierungsverpflichtungen unvereinbar sind. Die Bewältigung dieser Spannung zwischen unmittelbarer Versorgungssicherheit und langfristiger struktureller Transformation ist wohl die zentrale energiepolitische Herausforderung, vor der Deutschland und die EU in den nächsten drei bis fünf Jahren stehen.
Die zentrale Lehre ist klar: Strukturelle Energieverwundbarkeit lässt sich nicht allein durch Lieferdiversifizierung beseitigen. Solange die Industriebasis, der Verkehr und die Wärmeversorgung einer Volkswirtschaft von fossilen Brennstoffen abhängen, die durch maritime Engpässe transportiert werden, über die sie keine Kontrolle hat, bleibt sie genau dem Schock ausgesetzt, den der Iran-Konflikt verursacht hat. Ob diese Erkenntnis nun in hinreichend rasches und konsequentes politisches Handeln übersetzt wird, ist die entscheidende Frage der kommenden Jahre.